Compliance · 10 min Lesezeit
EU AI Act 2026: Diese Pflichten gelten jetzt für jedes Unternehmen
Von Rogee Wildung, MMAI® zertifizierter KI-Trainer · veröffentlicht 18.6.2026
Der EU AI Act ist die weltweit erste umfassende KI-Verordnung. Anders als oft gedacht betrifft er nicht nur OpenAI oder Google, sondern jedes Unternehmen, das KI-Systeme einsetzt – auch wenn das „nur“ ChatGPT im Marketing ist. Dieser Leitfaden bringt Sie in 10 Minuten auf den Stand 2026: was schon gilt, was 2026 und 2027 dazukommt, und wie Sie ohne Compliance-Overkill safe sind.
Der Zeitplan: was wann gilt
Der AI Act trat am 1. August 2024 in Kraft, gilt aber gestaffelt:
- Februar 2025: Verbot unzulässiger KI-Praktiken + Pflicht zu AI Literacy (Art. 4)
- August 2025: Pflichten für General Purpose AI Models (GPAI)
- August 2026: Vollständige Anwendung für Hochrisiko-KI in Produkten
- August 2027: Übergangsfrist für KI in regulierten Produkten (z. B. Medizin)
Artikel 4: AI Literacy – die Pflicht, die alle betrifft
Seit dem 2. Februar 2025 müssen Anbieter und Betreiber von KI-Systemen sicherstellen, dass ihre Mitarbeitenden über ausreichende KI-Kompetenz verfügen – angemessen zu Vorkenntnissen, Einsatzkontext und betroffenen Personen. Konkret heißt das: Wenn in Ihrem Unternehmen jemand ChatGPT, Copilot, Gemini, Claude oder eine Recruiting-KI nutzt, brauchen Sie nachweisbare Schulungen. Es gibt keine Mindestdauer, aber dokumentierte Inhalte, Teilnehmerlisten und Zertifikate werden im Streitfall geprüft.
Die vier Risikoklassen
Der AI Act ordnet jedes KI-System einer Risikoklasse zu. Daraus ergeben sich die Pflichten:
- Unzulässig: Social Scoring, Emotionserkennung am Arbeitsplatz, Echtzeit-biometrische Identifikation – verboten
- Hochrisiko: KI in HR (Bewerber-Screening!), Bildung, kritischer Infrastruktur – Dokumentation, Risikomanagement, menschliche Aufsicht
- Begrenztes Risiko: Chatbots, Deepfakes – Transparenzpflicht (Nutzer muss wissen, dass KI im Spiel ist)
- Minimales Risiko: Spamfilter, KI in Spielen – keine spezifischen Pflichten
Achtung HR-Verantwortliche: KI-Recruiting ist Hochrisiko
Sobald ein KI-System bei der Auswahl, Beförderung oder Kündigung von Mitarbeitenden mitwirkt, gilt es als Hochrisiko-KI. Das betrifft auch CV-Parser, automatische Vorauswahl in Recruiting-Tools und KI-gestützte Skill-Matching-Lösungen. Pflicht: Bias-Tests, Transparenz gegenüber Bewerbern, menschliche Letztentscheidung, technische Dokumentation.
Bußgelder: bis zu 35 Millionen Euro
Der AI Act sieht drei Bußgeldstufen vor:
- Unzulässige KI-Praktiken: bis 35 Mio. € oder 7 % des weltweiten Jahresumsatzes
- Verstoß gegen Hochrisiko-Pflichten: bis 15 Mio. € oder 3 % Umsatz
- Falsche Angaben gegenüber Behörden: bis 7,5 Mio. € oder 1 % Umsatz
Ihre Compliance-Checkliste 2026
Sieben Schritte, die jedes Unternehmen mit KI-Einsatz jetzt gehen sollte:
- KI-Inventar erstellen: Welche KI-Tools nutzt das Team (auch Schatten-IT)?
- Risikoklasse je Tool bestimmen und dokumentieren
- AI-Literacy-Schulung für alle KI-Nutzer durchführen (Art. 4)
- KI-Richtlinie / AI Usage Policy verabschieden
- Datenschutz-Folgeabschätzung bei personenbezogenen Daten
- Anbieterverträge prüfen (DPA, EU-Hosting, Modell-Training opt-out)
- Verantwortliche Person (AI Officer / KI-Beauftragter) benennen
Was passiert, wenn ich nichts tue?
Realistisch wird es 2026/2027 noch keine flächendeckenden Audits geben. Aber: Bei Datenschutzvorfällen, Diskriminierungsklagen oder Audits durch Kunden (Lieferkette!) wird AI-Literacy-Nachweis bereits 2026 zum Standard. Wer dokumentiert hat, ist auf der sicheren Seite – wer nicht, riskiert nicht nur Bußgelder, sondern auch verlorene Kunden.
Häufige Fragen
Gilt der EU AI Act auch für kleine Unternehmen?
Ja – Artikel 4 (AI Literacy) gilt unabhängig von der Unternehmensgröße. Bei Hochrisiko-KI gibt es leichte Erleichterungen für KMU, aber keine Befreiung.
Reicht eine einmalige Schulung?
Nein. Der AI Act fordert angemessene KI-Kompetenz – bei neuen Mitarbeitenden, neuen Tools oder wesentlichen Updates der genutzten KI muss nachgeschult werden. Praxis: jährliche Auffrischung dokumentieren.
Was ist mit ChatGPT – ist das ein Hochrisiko-System?
Allgemeines ChatGPT ist General Purpose AI und fällt unter Transparenzpflichten. Sobald Sie es aber für HR-Entscheidungen oder Bildungsbewertung einsetzen, wird der konkrete Anwendungsfall zum Hochrisiko-System.
